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Kritische Betrachtungen zur Bildungspolitik
Unser Schulsystem macht krank - Eltern, Lehrer, und Schüler
Das Leiden in Kurzform- oder- die Hitliste der Missstände als "top-twenty" der Schulpolitik der Reihe nach: (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Grundschule - Schule mit anfänglicher Akzeptanz und späterem Übertrittsleidensdruck
Eine Schule, in die die Kinder anfänglich gerne gehen, bis es Noten gibt. Kinder stehen unter einem enormen Leistungsdruck, bedingt durch ein verfrühtes Übertrittsverfahren ("Grundschulabitur"). Die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern ist unter diesen Bedingungen erschwert. Schüler überstehen den Unterrichtsalltag oftmals nur mit Medikamenten. Der an keiner biologischen Notwendigkeit orientierte Leistungsdruck überschattet ganze Familien.
Hauptschule - Schule der Frustrierten und "Looser"? - "Restschule"?
Von der Politik zu lange schöngeredet ("Schule der praktisch Begabten") ist sie leider dabei, zu einer Schule der Frustrierten und Perspektivlosen gemacht zu werden.
Hauptschüler bzw. deren Eltern fühlen sich häufig stigmatisiert. Der Abschluss hat wenig Akzeptanz in der Wirtschaft und führt oftmals direkt in die Jugendarbeitslosigkeit. Viele Lehrkräfte gleiten in den krankheitsbedingten Vorruhestand ab. An vielen Hauptschulstandorten regiert die Gewalt. Aggressivität in Sprache und Tat prägen den Unterrichtsalltag. Lehrkräfte - häufig engagiert - sind überfordert bzw. allein gelassen. Höchste Zeit zu handeln, es wurde lange genug weggeschaut!
Sechsstufige Realschule - das Zehetmair-Mausoleum
Platzt seit der überfallartigen Einführung unter dem ehemaligen Kultusminister Zehetmaier, der das Gymnasium entlasten und wieder zur Eliteschule machen wollte, aus allen Nähten. Klassenstärken von bis zu 40 Schülern machen den Unterricht zur besonderen Herausforderung. Die sechsstufige Realschule führte und führt - trotz gegenteiliger Beteuerungen (CSU: "..keine Teilhauptschule muss geschlossen werden..") - zur Auflösung zahlreicher Teilhauptschulen ("Teilhauptschulsterben").
Was viele Bürgermeister in Rage bringt, weil die Kommunen vielerorts in Schulgebäude investiert haben, die nun kurzerhand geschlossen werden müssen. Obwohl Kostenneutralität zugesichert wurde, auch finanziell ein Desaster - und zwar hauptsächlich für die Kommunen, die wegen der Raumnot in neue Schulgebäude investieren müsse, um dem Andrang Herr zu werden. Ein Musterbeispiel für die Weitsichtigkeit der CSU–Schulpolitik, wenn man bedenkt, dass viele Gebäude in wenigen Jahren schon wieder leer stehen werden angesichts des Herannahens (oder Hereinbrechens?) geburtenschwacher Jahrgänge.
Gymnasium - Schule der mühselig Beladenen - Turboprop G8
Schüler werden mit akademischen Mülleimern verwechselt im Bestreben, alles Wissen dieser Welt in die Köpfe hineinzupressen anstatt die Wissensvermittlung den Gegebenheiten des menschlichen Organismus anzupassen auf der Grundlage altbekannter, wiederentdeckter "neurobiologischer Erkenntnisse". Angeheizt durch die ebenfalls überfallartige Einführung des G8 werden Kinder zu Theoretikern herangezogen, denen es durch die Art des verakademisierten, (fälschlicherweise: verwissenschaftlichten) Unterrichts verwehrt ist, die "Poesie und die Macht des Wissens" zu entdecken.
Lehrerausbildung - Theorie und Praxis im Widerspruch
Die universitäre Ausbildung geht völlig an der Praxis vorbei. Leidet die erste Ausbildungsphase an der Universität an "Theoritis", wird in der zweiten Phase, dem Referendariat, meist erfolgreich versucht, dem angehenden Lehrer jegliche Freude an seinem Beruf auszutreiben. Die zukünftigen Pädagogen werden nach einem primitiven behaviouristischen Schema darauf gedrillt mit absurdem Aufwand drei Mammutstunden vorzubereiten, anstatt effektiv zu lernen wie man ökonomisch die ca. 30.000 Unterrichtsstunden eines Lehrerlebens zu bestreiten.
Schließlich nützen auch die besten Unterrichtsmodelle nichts, wenn es an Disziplin mangelt, ein zentrales Manko an unseren Schule. Die Autorität und das dramatisch gesunkene Ansehen ("Eine Gesellschaft ist so, wie sie mit ihren Lehrern umgeht") des Lehrers muss gestärkt werden, damit er überhaupt in der Lage ist, adäquate Unterrichtsmethoden durchzusetzen. In der Lehrerausbildung muss der Lehrer als kompetenter Wissensvermittler und souveräne "Krisenreaktionskraft" das Ziel sein, der Querkopf mit der nicht stromlinienförmigen Biografie, dafür mit Lebenserfahrung. Gut bezahlt, belastbar.
Lehrer - zermürbt von der alltäglichen Front
Sie taumeln dem rettenden Vorruhestand entgegen. Müssen oft "Erziehungsreparaturdienste" leisten, da die Neigung bzw. das Vermögen, zu erziehen, in vielen Bevölkerungsschichten immer mehr schwindet - oder aber überentwickelt (bei den "besseren", oftmals überehrgeizigen Schichten) ist, was das Geschäft eher noch erschwert.
Schulverwaltung - bürokratisch überbordend - Formalismuswahn
Wer die Schule retten will, muss zuallererst deren Verwaltung ändern. Wir leisten uns eine aufgeblähte vierstufige Schulverwaltung, die in erster Linie Bürokratie produziert und die Lehrer oftmals behandelt als wären sie nicht ganz mündig.
Erziehungsbedingungen - Aufwachsen unter erschwerten soziokulturellen Bedingungen
Unter der Konkurrenz der elektronischen Unterhaltungsmedien versagt oftmals jegliches erzieherische Bemühen. Die Erosion der traditionellen Familienstrukturen und patchwork-ähnliche Arbeitsbedingungen machen gelungene Erziehung schwierig bis unmöglich.
Gegen die Konkurrenz der elektronischen Medien (TV, Computer...) kommen Eltern wie Lehrer nicht an. Dringend notwendig ist es zum Beispiel, die schlimmsten Auswüchse wie Ballerspiele zu verbieten und effektiv zu kontrollieren.
Erschwerend kommt hinzu, dass in der Erziehung eine Grundstimmung herrscht, im Rahmen derer erzieherische Autoritäten in Frage gestellt werden. Eine gigantische Gleichmacherei überfordert die Heranwachsenden und macht Erziehung schwer bis unmöglich. Anstatt für "Empowerment" für Eltern und Lehrer zu sorgen, wird immer mehr auf psychologische und psychiatrische Reparaturdienste gesetzt, die sich über vermehrte Kundschaft freuen. Volkswirtschaftlich entsteht aber ein gigantischer Schaden. "Ergo(nomie)" gehört heute schon zum guten Ton - zu Lasten der Allgemeinheit.
Politik - hektisch, kurzatmig, dilletantisch
In Ermangelung eines fehlenden Gesamtkonzepts wird - angetrieben von den schlechten PISA-Ergebnissen - hektisch, populistisch und pseudoreformerisch am Patienten Schule herumgemurkst, bis diesem endgültig die Luft wegbleibt.
Lehrmedien zum Sterben langweilig
Schulbücher müssen von journalistischen Profis geschrieben werden und nicht von bürokratischen Karrierebeamten, die Amtssprache für gutes Deutsch halten. So sehen auch die herkömmlichen Schulbücher aus: sterbenslangweilig merzen sie die ursprünglich vorhandene Neugierde und Wissensdrang gnadenlos aus. Keine Chance dem Schüler die "Lust und Poesie des Wissens" zu vermitteln, wie es beispielsweise in zahlreichen Wissensmagazinen passiert, die reißenden Absatz finden.
Dafür - dem Zeitgeist gehorchend - werden die Schulbücher immer bunter, wirrer und unübersichtlicher. Im Unterricht sind sie wegen der abstrakten, alltagsfremden Sprache nur bedingt einsetzbar und müssen erst in Alltagssprache übersetzt werden. Ausnahmen wie die Englisch-Medien zeigen, wie Unterrichtsmedien spannend, anschaulich und tätigkeitsintensiv aussehen können.
Primat der Ökonomie – Rezepte der Wirtschaft
Schulverwaltungen, allen voran das Kultusministerium erliegen immer wieder dem zweifelhaften Charme, der von der Ökonomie, sprich der Betriebswirtschaft ausgeht. Anstatt auf eigene Ideen zu vertrauen, den eigenen Sachverstand heranzuziehen und sich selbstbewusst auf die Pädagogik als Zweig der Geisteswissenschaft zu berufen, verlässt man sich auf Rezepte aus der Küche der Betriebswirtschaft, ungeachtet der Tatsache, dass sie auch dort schon genug Schaden angerichtet haben.
Die als Berater für teures Geld angeheuerten Unternehmensberater glänzen dann in ihren Gutachten mit so intelligenten Ratschlägen, wie den Sportunterricht zum Zwecke der Personaleinsparung zu reduzieren. Ein großartiges Signal in Zeiten der Bewegungsarmut und Fettleibigkeit. Hinterher beklagen die Gleichen, die für diese Politik verantwortlich sind, heuchlerisch, dass unsere Kinder immer unförmiger werden.
Es ist verfehlt, Schule mit der Wirtschaft zu vergleichen und Schüler zu betriebswirtschaftlichen Größen zu reduzieren, großspurig garniert mit der dazu passenden Terminologie. Begriffe wie "Qualitätsmanagement, Qualitätssicherung" sind Plagiate, lachhaft und obendrein Nebelkerzen, die den wahren Zustand des Patienten Schule nur noch verschlimmern, weil sie den aktiven Zugang zu den Problemen verschleiern.
Man könnte diese Mängelliste endlos lange fortsetzen. Fehleranalyse ist der erste Schritt zur Besserung. Es wäre schon viel gewonnen, grobe Fehler zu vermeiden.
