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24. Januar 2008

Freie Wähler machen sich für die hausärztliche Grundversorgung stark

Wie lange gibt’s noch Hausärzte in unseren Orten?

Wendelstein (jr) - Wie lange noch können sich die Bürgerinnen und Bürger in der Gemeinde Wendelstein darauf verlassen, bei gesundheitlichen Problemen einen Hausarzt vor Ort zu haben? Mit dieser Frage angesichts der andauernden Gesundheitsreformversuche und aktuell im Zeichen der Kündigung der Leistungsverträge der AOK mit den Standesvertretungen der Ärzteschaft bot die Freie Wählerschaft Wendelstein einen Informationsabend mit mehreren betroffenen Ärzten, die über ihre Erfahrungen und die Gefahren der derzeitigen Entwicklungen im Gesundheitssystem berichteten.              

 „Manche grundlegende Veränderungen geschehen schleichend und unbemerkt und der Hausarzt wie auch der Drogist gehören eventuell in wenigen Jahren der Vergangenheit an, wenn wirs jetzt die Amerikanisierung unseres Gesundheitssystems zulassen. Auf der Strecke bleiben dann die, die in erster Linie eine wohnungsortnahe Arztversorgung brauchen - ältere Menschen und unsere jüngsten“ mit diesen Worten begrüßte Werner Winter als Vorsitzender der Freien Wähler Wendelstein und Bürgermeisterkandidat die Zuhörer und Referenten und schilderte aus der Sicht des Patienten vor Ort die Situation in der Gemeinde Wendelstein.

Momentan hat jeder größere Ort in der Gemeinde einen niedergelassenen Hausarzt und auch Fachärzte sind am Ort, der Blick auf die Altersstatistik der Ärzte offenbart aber das Debakel: Fast alle sind zwischen 50 und 65 Jahre alt, die Chancen auf junge Praxisnachfolger sind schlecht, da der Ärztenachwuchs das laufende Bezahlungssystem durchschaut und längst Deutschland verlassen hat und jetzt im Ausland arbeitet. Zugleich, so Werner Winter, ist der Haus- bzw. Allgemeinarzt im deutschen Gesundheitssystem wohnortnah und vertrauensvoll traditionell der erste Facharzt für den Patienten.

Hausbesuche beim Patienten macht nur der Hausarzt

Aufgrund seines Fachwissens und der Diagnosen kann er den Patienten zum richtigen Facharzt weiterschicken oder direkt weiterbehandeln. Diese wichtige Aufgabe, bei der es um die Gesundheit als höchstes Gut und um große Verantwortung geht, ist gefährdet, wenn der Hausarzt - wie aktuell immer deutlicher wird - für seine Leistungen von den Krankenkassen und mitverantwortlichen Institutionen heute einen Hungerlohn für seine Leistungen bekommt, der keineswegs dem vorherigen Aufwand mit Untersuchungen und technischen Geräteeinsatz entspricht. „Ich möchte nicht, dass unsere Kinder und Enkel Hausbesuche des Arztes nur aus Erzählungen von früher kennen“ beschloß Winter seine einführenden Gedanken.    

Dr. Jürgen Büttner, Allgemeinarzt aus Roth und Vorstandsmitglied im „Bayerischen Hausärzteverband“ informierte als erster Referent vor allem über den Aufbau des Vergütungs- und Leistungssystems bei den Ärzten und die anhaltenden Probleme angesichts sinkender Vergütungssummen bei gleichen Leistungsanforderungen. Die Krankenkassen schließen mit den Standesvertretungen der Ärzteschaft, auf Landesebene mit der „Kassenärztlichen Vereinigung Bayern“ (KVB), Verträge über patientenbezogene Leistungsentgelte der Ärzte für die Behandlung.

Über ein kompliziertes Punkte- und Leistungssystem verrechnet die KVB diese Pauschalsummen mit dem Arzt, wenn dieser den Patienten behandelt hat. Je nach Finanzsituation der Krankenkassen steigen oder fallen so wie bei einer Berg- und Talfahrt die Aufwendungen, die der Arzt bei der vierteljährlichen Abrechnung mit der KVB tatsächlich für seine Leistungen erhält. Die aktuelle Kündigung dieser Verträge durch die AOK reißt ein großes Loch in den eh schon schwankenden Leistungsentgelt der Ärzte pro Patient und trotzdem soll gerade der Hausarzt wie bisher im gleichen Umfang den Patienten medizinisch betreuen und versorgen.

Bewusste Fehlinformationen für Patienten

Das Argument der AOK bei der jetzt verkündeten Kündigung der KV-Verträge, daß die Vertragskündigung für die Kassenmitglieder ohne Folgen bleiben wird, ist insofern eine bewusste Fehlinformation der Patienten kritisierte Dr.Büttner und nannte Beispiele, wie die Krankenkassen jetzt schon mit zentralen Ärztezentren und dem Bonussystem darauf hinarbeiten, die Hausärzte in der deutschen Gesundheitsversorgung überflüssig zu machen und zugleich mit Tricks wie der elektronischen Patientencard versuchen, die absolute Datenkontrolle über ihre Mitglieder zu bekommen.

Als Allgemeinarzt aus dem ländlichen Bereich gab als zweiter Referent Dr.Stefan Singer aus Abenberg als Kreistagskandidat und dort für die Freien Wähler im Stadtrat, Einblicke in seinen Alltag und seine Erfahrungen. „Vom schreienden Säugling bis zum sterbenden Opa - der Hausarzt ist beim Patienten und hilft“ umriß er die besondere Vertrauensstellung des Hausarztes auf dem Land. Daß die von seinem Vorredner genannten Probleme keineswegs ein Anreiz seien für junge Mediziner, alteingesessene Hausarztpraxen außerhalb der Städte zu übernehmen, liege auf der Hand.

Ausdünnung der Hausarztpraxen auf dem Land droht

Schon das Durchschnittsalter der Hausärzte in Bayern mit 58 Jahren mache deutlich, daß in den nächsten Jahren eine massive Ausdünnung im Hausärztenetz droht. Finanzielle Probleme erschweren zusätzlich den Erhalt der Praxen: Der Hausarzt soll mit stetig sinkenden Einnahmen ständig steigende Kosten wie etwa Energie- und Benzinkosten, Personalkosten für Praxismitarbeiter und den Unterhalt technischer Geräte in der Praxis zur optimalen Versorgung auffangen und zugleich immer mehr wie bei einem Wirtschaftsunternehmen bürokratischen Forderungen nachkommen. Daß dies zu sinkender Motivation bei jungen Ärzten führt ist vorstellbar und schreckt viele erst recht ab, sich als Ällgemeinarzt niederzulassen.

Für Dr.Singer liegt es auf der Hand, daß auch der Patient mitentscheiden kann mit seinem Verhalten, ob die Hausärzte in Bayern eine Zukunft haben. Dies machte er mit einigen Argumenten klar: Die Versprechungen der Krankenkassen und Versicherungen sollten kritisch geprüft weden, wenn sie dem Patienten im „Bonussystem“ bestimmte Vorteile versprechen, wenn er nur ausgewählte Gesundheitszentren und -angebote nutzt. Dies ist der Anfang eines profitgesteuerten Gesundheitsmarktes, bei dem nicht das persönliche Verhältnis Arzt-Patient zählt, sondern Leistung nach Kassenzugehörigkeit und Kassenverträgen.

Hausärzteverband und Freie Wähler als Garanten für den wohnortnahen Hausarzt

Die Freien Wähler sind im politischen wie der Hausärzteverband im medizinischen Bereich für Dr.Stefan Singer die einzige Gruppierung, die noch Garanten sind für den Erhalt der bisherigen wohnortnahen und persönlichen Hausärzteversorgung. Darin stimmte auch Dr. Peter Bauer als Sprecher des „Arbeitskreis Gesundheit“ im Landesverband Bayern der Freien Wähler mit ihm überein und ging mit den bisherigen Reformen hart ins Gericht. Schon die Tatsache, daß seit Gesundheitsminister Horst Seehofer in Deutschland 38 Anläufe für Gesundheitsreformen gemacht wurden, ohne etwas zu bewirken, zeigt die Unfähigkeit der deutschen Parteien.

Verschiedenste Ursachen wurden zwar erkannt aber nur teilweise „angegangen“ und meistens wurden aus großen Reformideen Minireförmchen mit dem heutigen Ergebnis: Ein völliger Neuanfang im Gesundheitssystem ist inzwischen unumgänglich, und kann nur wirksam sein, wenn für die Versicherten absolute Vertragsfreiheit besteht und die Fachärzte wieder Handlungsfreiheit haben und nicht mehr in ein Korsett gezwängt werden, das von den Standesvertretungen als verlängertem Arm der Versicherungen und Krankenkassen vorgegeben wird.

Gerade die Steuern auf gesundheitsgefährdende Genussmittel wie Tabak, Zucker oder Alkohol sollten zweckgebunden im Gesundheitssystem aufgehen und nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern beim Staat. Ebenso ist ein Witz, daß für Medikamente - für Produkte zur Erhaltung der Gesundheit - der Mehrwertsteuersatz von 19 % gilt, während bei Luxuslebensmitteln der ermäßigte von 7 % gilt. Auch der „Gesundheitsfonds“ als neueste Reform verschlingt nur noch mehr Geld als daß er dem Gesundheitssystem Einsparungen bringt. Eine rege Diskussion und viele Fragen der Zuhörer beschlossen den Informationsabend.                              

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